Die Schätze des Nordkaukasus

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Die Legenden und Mythen aus den Regionen des Nordkaukasus, die sich in ihrem Einfallsreichtum durchaus mit der antiken griechischen Mythologie messen können, ziehen seit Alters her Forscher und Touristen an. Gipfel, Dünen, subtropischer Wald und einer der größten Canyons der Welt sind zur Visitenkarte dieser südrussischen Bergwelt geworden.

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Mittlerweile zieht es bereits zehntausende von Reisenden jährlich in den Nordkaukasus, einem Gebiet im Süden Russlands, dass den meisten nur durch den höchsten Berg Europas bekannt ist. Der zweigipfelige Elbrus, der an der Grenze der Republiken Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien liegt, ist nicht nur der höchste Berg Russlands. Man findet ihn genauso in der Liste der „Seven Peaks“, der höchsten Gipfel der sechs Kontinente.

Das Schmelzwasser der Gletscher, das von den Hängen des Gipfels fließt, speist die größten Flüsse der Region: Kuban, Malku und Baksan. In der Höhe des Westgipfels mit 5.642 Meter über dem Meer, der östliche ist 19 Meter niedriger, verlieren sich Raum und Zeit, sagen die Bergsteiger, die die Strapazen der schwierigen hochalpinen Kletterei beim Aufstieg auf sich genommen haben.

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Touristen fahren hingegen bequem mit der Gondel zu einer Aussichtsplattform auf 3.847 Metern Höhe und bewundern von dort aus das Panorama mit dem faszinierenden Relief der kaukasischen Hauptkette. Hinter der Talstation im Ferienort Asau schmiegen sich hinter den saftigen Almwiesen die legendären Skipisten des Elbrus-Gebietes an die Hänge der Berge.

Trotzige Festungen in der Bergwelt

Die Festung von Naryn-Kala befindet sich am Ufer des Kaspischen Meeres in Dagestan, im Gebiet Derbent, der ältesten Stadt Russlands. Der Gebäudekomplex mit der Zitadelle, der Altstadt und den Befestigungsanlagen wird in der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geführt. Die Festung wurde im sechsten Jahrhundert auf Befehl des persischen Sassaniden-Herrschers Chosrau I., einem Gegenspieler des oströmischen Kaisers Justinian I., erbaut.

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Dass die Region einst zu Persien gehörte, zeigt auch der persiche Name der Wehranlage, der übersetzt „Das verschlossene Tor“ bedeutet. In den Turksprachen wird die Zitadelle hingegen als „Sonnige Festung“ bezeichnet. Die Zitadelle mit drei Meter dicken Mauern und 73 Türmen steht auf einem Hügel und umfasst eine Fläche von mehr als vier Hektar.

Die Festung wurde zweimal von russischen Truppen eingenommen, die hier in Friedenszeiten ein unterirdisches Gefängnis, einen Hof und eine Kanzlei betrieben. Von der Burg bis zum Strand erstrecken sich zwei Mauern, die weit in das Meer hineinreichen und den engen Durchgang zwischen dem Kaspischen Meer und den Bergen für die Karawanen der Großen Seidenstraße blockierten und einen natürlichen Hafen für Schiffe bildeten.

Wüste, Urwald und der Griff nach den Sternen

Zwischen dem Dorf Selentschukskaja und der Siedlung Archys in Karatschai-Tscherkessien befindet sich das größte astronomische Zentrum Russlands. Das „Astrophysische Observatorium der Russischen Akademie der Wissenschaften“ wurde 1966 für die grundlegende Weltraumforschung mit Hilfe eines großen Azimut-Teleskops gebaut. Bis 1993 war dieses optische Teleskop das größte der Welt und ist heute noch das größte in Eurasien.

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Die meisten Gäste Dagestans verbinden die Region nur mit den Stränden des Kaspischen Meeres und der ältesten Stadt Russlands, Derbent. Die wenigsten wissen, dass es hier den nördlichsten subtropischen Lianen-Wald der Welt gibt – den Samurskj Naturpark. Das hiesige, nahezu tropische, Klima gestattet es den Lianen üppig zu wachsen, die wiederum die Baumstämme verdrehen und ihnen skurrile Formen geben.

Im Jahr 1991 wurde der Wald als natürlicher Nationalpark anerkannt. Der Urwald ist sowohl die Heimat von seltenen Vogelarten, darunter der dalmatinische Pelikan, Schwarzstorch und Flamingos, als auch von Wildtieren, beispielsweise der Persische Leopard, der hier noch lebt. Das Naturschutzgebiet ist ein Magnet für Tierfotografen, aber auch der Liebhaber des sanften Ökotourismus.

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Seen und Schluchten

Kasenoj-Am heißt der größte Hochgebirgs-See des Nordkaukasus und des Südens von Russland. Den See, auch als blauer oder tiefer See bekannt, teilen sich Tschetschenien und Dagestan auf einer Höhe von 1869 Metern über dem Meeresspiegel. Laut Geologen entstand der See nach einem Erdbeben, das den Zusammenbruch einer großen Gesteinsmasse verursachte. Biologen fanden hier eine endemische Forellenart, die allerdings vom Aussterben bedroht ist.

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Am Fuße des Nordhangs des Narat-Tube-Grates, 20 Kilometer von Machatschkala entfernt. erhebt sich die sandige Sarykumskj-Barchan, die größte Sicheldüne Europas. Durch den Einfluss des Windes auf den Sand bilden sich die typisch geformte Wüstenlandschaft. Hier leben viele seltene und geschützte Arten von Reptilien und Vögeln, darunter der Mönchsgeier und der Steinadler. Die schönste Aussicht von der Barchan bietet sich allen Besuchern zufolge bei Sonnenuntergang.

Eine der wichtigsten touristischen Attraktionen der Republik Inguschetien ist das ganzjährig geöffnete Resort „Armhi“. Hierher kommen Touristen um Ski zu fahren oder in einem komfortablen Wellness-Center inmitten von Pinienwäldern zu entspannen. Außerdem finden hier die Gäste im staatlichen Dschejrachski-Assinskj-Reservat das größte Freilichtmuseum Russlands.

Die Stadt der Toten

Die Ausflüge zu den historischen und architektonischen Sehenswürdigkeiten, den Krypten, den heidnischen und christlichen Schreinen und Tempeln sowie zu den Türmen der Inguschen, von denen die ersten aus der Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus stammen, lassen sich bequem mit einem Wellness-Urlaub kombinieren.

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Im Flusslauf des Sulak in Dagestan befindet sich die 53 Kilometer lange Sulak-Schlucht, die mit 1.920 Metern Tiefe nicht nur die tiefste Schlucht Russlands ist, sondern auch zu den tiefsten der Erde zählt. Im Jahr 2017 zählte man fast eine Viertelmillion Touristen, die diese wichtigste natürliche Attraktion von Dagestan besuchten.

Rund hundert Familiengrabstätten bilden zusammen die Dargavische Nekropole, die „Stadt der Toten“, aus der Zeit vom 14. bis zum 18, Jahrhundert. Unweit der Nekropole sind noch die Ruinen der umliegenden mittelalterlichen Festungen sichtbar. Zahlreiche Mythen und Legenden ranken sich um diesen Ort, von dem die Menschen früher glaubten, dass niemand lebendig von Dargav zurückkehre, der sich dort hinbegibt. Heute kommen die Touristen jedoch in Scharen und sind dennoch putzmunter.

„Langleber“ und gelebte Gastfreundschaft

Neben den natürlichen und historischen Sehenswürdigkeiten ist der Nordkaukasus auch für seine Menschen berühmt. Eines der häufigsten Klischees über die Bewohner der Bergregion ist ihre Langlebigkeit. Und das ist keineswegs ein Mythos: Die Republiken des Nordkaukasus werden jedes Jahr in die behördlich zusammengestellte Bewertung der Regionen des Landes über die Lebenserwartung der Bevölkerung und die Anzahl der „Langleber“ aufgenommen.

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Darüber hinaus ist der Nordkaukasus die multiethnischste Region Russlands. Hier leben 42 Bevölkerungsgruppen, die über hundert Dialekte sprechen. Allein in Dagestan gibt es mehr als 30 Nationalitäten. Unter den Einwohnern gibt es Osseten, Kabardier, Tschetschenen, Awaren oder Darginer. Zudem finden sich hier auch zahlreiche Ansiedlungen von Russen und Ukrainern.

Das Resultat dieser nationalen Vielfalt spiegelt sich in Küche, Architektur, Glaubeund den Traditionen wieder. Ein Sprichwort besagt, dass man nach dem Besuch der sieben Regionen des Nordkaukasus das Gefühl habe, sieben verschiedene Länder der Welt bereist zu haben. Gelehrte gehen davon aus, dass die Menschen der hier lebenden Völker in den abgeschiedenen Bergregionen geschütztes Weideland gefunden haben.

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Die Gastfreundschaft im Nordkaukasus ist nicht nur eine Höflichkeit, sondern ein wichtiger Teil der Mentalität. Jedes Volk hatte eigene Traditionen, die mit Gastfreundschaft verbunden waren. Aufgrund der Tatsache, dass eine der Routen der Großen Seidenstraße durch das Gebiet des Nordkaukasus führte, versuchten die lokalen Völker, Beziehungen zu Händlern aus fernen Ländern zu knüpfen.

Ausländer brachten ihr Wissen von zuhause in den Kaukasus , das, wenn auch indirekt, die Gesellschaft beeinflusste. Kunst, militärisches Handwerk und die Wissenschaften entwickelten sich so und die Sprachen wurden mit Fremdwörtern angereichert. Daraus entstand diese einzigartige kulturelle Vielfalt der Region, die selbst für Experten noch verblüffende Tatsachen bereithält.

Die Gastfreundschaft der Völker des Nordkaukasus jedoch ist die stabilste Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und auch heute noch ist sie das höchste Gut und der attraktivste Tourismusfaktor der Region.

[mb/russland.REISEN]